Deutschland nach der WM 2026: Ein Neuanfang, der längst überfällig war
Deutschland nach der WM 2026: Ein Neuanfang, der längst überfällig war
Es ist schwer zu erklären, wie eine Fußballnation wie Deutschland innerhalb von zwölf Jahren so viel von ihrer Selbstverständlichkeit verlieren konnte.
2014 waren wir Weltmeister. Deutschland galt als Mannschaft, die man bei einem großen Turnier niemals abschreiben durfte. Heute, nach der WM 2026, müssen wir uns mit einer völlig anderen Realität beschäftigen: Zum dritten Mal in Folge ist eine Weltmeisterschaft für die deutsche Nationalmannschaft viel zu früh beendet.
Das 1:1 und die anschließende Niederlage im Elfmeterschießen gegen Paraguay waren dabei nur der letzte Akt. Das eigentliche Problem liegt tiefer.
Ich hatte während dieser WM nie das Gefühl, eine deutsche Mannschaft zu sehen, die wirklich weiß, wer sie sein will. Gegen Curaçao sah beim 7:1 vieles leicht aus. Gegen die Elfenbeinküste reichte es zu einem 2:1. Spätestens bei der 1:2-Niederlage gegen Ecuador wurden jedoch wieder jene Probleme sichtbar, die uns seit Jahren begleiten: fehlende Stabilität, fehlende Konsequenz und vor allem fehlende Selbstverständlichkeit.
Und dann kam Paraguay.
Deutschland hatte mehr individuelle Qualität. Deutschland hatte größere Namen. Deutschland hatte eigentlich alles, was man braucht, um dieses Spiel zu gewinnen.
Nur eines fehlte: die Überzeugung, dass man es gewinnen wird.
Genau das war früher vielleicht die größte Stärke deutscher Mannschaften. Der Gegner konnte besser spielen, technisch stärker sein oder mehr Chancen haben – Deutschland blieb Deutschland. Heute scheint diese Aura verschwunden zu sein.
Julian Nagelsmann trägt dafür Verantwortung. Aber ihn allein verantwortlich zu machen, wäre mir zu einfach.
Seit 2018 wechseln wir Trainer, Systeme, Spieler und Philosophien. Joachim Löw ging. Hansi Flick kam und ging. Nagelsmann kam mit neuen Ideen und großen Erwartungen. Trotzdem blieb am Ende wieder dasselbe Gefühl zurück.
Vielleicht war unser Problem die ganze Zeit nicht nur der Trainer.
Vielleicht hat der deutsche Fußball seine Identität verloren.
Deshalb halte ich die Verpflichtung von Jürgen Klopp für weit mehr als einen normalen Trainerwechsel. Für mich ist es der Versuch des DFB, der Nationalmannschaft wieder eine Persönlichkeit zu geben.
Klopp muss dieser Mannschaft wahrscheinlich nicht erklären, wie man einen Viererkette verschiebt. Diese Spieler arbeiten jeden Tag mit hervorragenden Trainern bei europäischen Spitzenvereinen.
Was Deutschland braucht, ist etwas anderes.
Emotion.
Mut.
Zusammenhalt.
Und wieder das Gefühl, dass das Trikot der Nationalmannschaft etwas Besonderes ist.
Genau darin liegt Klopps größte Stärke. Seine Mannschaften waren nie nur taktische Konstruktionen. Dortmund unter Klopp hatte eine Identität. Liverpool unter Klopp hatte eine Identität. Man konnte nach fünf Minuten erkennen, welche Mannschaft dort spielte.
Bei Deutschland konnte man das in den vergangenen Jahren viel zu selten.
Natürlich dürfen wir jetzt nicht den nächsten Fehler machen und Klopp zum Messias erklären. Auch Jürgen Klopp wird aus einer verunsicherten Nationalmannschaft nicht innerhalb von drei Wochen einen Europameister machen.
Es gibt offene Fragen auf nahezu jeder Ebene.
Wie sieht die Zukunft im Tor aus? Welche Rolle werden die älteren Spieler noch spielen? Wer übernimmt dauerhaft Verantwortung? Und um welche Spieler herum soll die Mannschaft aufgebaut werden?
Jamal Musiala gehört zweifellos zu den Spielern, die eine neue deutsche Generation prägen können. Aber auch ein außergewöhnlicher Fußballer wie Musiala braucht um sich herum eine Mannschaft mit klaren Strukturen und Spielern, die Verantwortung übernehmen.
Genau hier beginnt Klopps eigentliche Arbeit.
Sein erstes Spiel in der Nations League gegen die Niederlande wird deshalb für mich weniger wegen des Ergebnisses interessant sein. Ich möchte etwas anderes sehen.
Ich möchte erkennen können, was dieses Deutschland künftig sein will.
Wenn Klopp es schafft, wieder eine Mannschaft zu formen, bei der elf Spieler nicht nur dasselbe Trikot tragen, sondern tatsächlich dieselbe Idee verfolgen, wäre bereits viel gewonnen.
Die WM 2026 war eine weitere Enttäuschung.
Vielleicht musste sie das aber auch sein.
Denn irgendwann reicht es nicht mehr, nach jedem Turnier zu sagen, Deutschland müsse nur einige Kleinigkeiten korrigieren. Nach 2018 konnte man von einem Unfall sprechen. Nach 2022 von einer Krise.
Nach 2026 nicht mehr.
Jetzt reden wir über ein strukturelles Problem.
Jürgen Klopp bekommt deshalb keine normale Nationalmannschaft. Er übernimmt eine Fußballnation auf der Suche nach sich selbst.
Und vielleicht ist genau das die interessanteste Aufgabe seiner Karriere.
Deutschland muss nicht wieder das Deutschland von 2014 werden.
Es muss endlich herausfinden, welches Deutschland es 2030 sein will.
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